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    „Castle Rock“: Stephen Kings Horrorstadt erwacht zum Leben

    Atmosphärischer Kleinstadt-Thriller lädt Fans zur Easter-Egg-Suche

    "Castle Rock": Stephen Kings Horrorstadt erwacht zum Leben – Atmosphärischer Kleinstadt-Thriller lädt Fans zur Easter-Egg-Suche – Bild: hulu
    „Castle Rock“

    Jedes Mal, wenn sich eine neue Stephen-King-Verfilmung ankündigt, steht die bange Frage im Raum: Gurke oder Hit? Vor allem Fehltreffer hat es in der langen Reihe an King-Verfilmungen bekanntlich jede Menge gegeben, und auch in jüngster Zeit war die Bandbreite groß. Es gab (und gibt) das starke Thriller-Drama „Mr. Mercedes“ (Audience/Starz Channel) und im Kino die erfolgreiche „Es“-Neuverfilmung, es gab aber auch die grottige „Der Nebel“-Neuauflage (Spike/Netflix) und im Kino den „Der dunkle Turm“-Flop. Immerhin: Das Videoportal Hulu, das nun „Castle Rock“ ins Rennen schickt, hat schon gute King-Erfahrungen gemacht mit der gelungenen Adaption von „11.22.63 – Der Anschlag“.

    Die Erwartungen sind jedenfalls hoch. Seit im letzten Jahr erstmals von „Castle Rock“ die Rede war, freute sich die King-Fanschar auf eine Art Best-Of ihres Meisters. Die zehnteilige Serie, entwickelt von Sam Shaw („Manhattan“) und Dustin Thomason („Lie to Me“), produziert von Tausendsassa J.J. Abrams und Stephen King höchstselbst, basiert auf keiner bestehenden Textvorlage des Bestseller-Autors, sondern auf Motiven, Figuren, Orten, Stimmungen, Stilmitteln, die aus seinen Romanen und Kurzgeschichten und auch aus den auf ihnen basierenden Verfilmungen bekannt sind und hier zu einer neuen Story zusammengefügt wurden. „Castle Rock“ erzählt zwar von einem mysteriösen Gefangenen und einer schwierigen Heimkehr, ist aber vor allem ein Remix, ein Reshuffle, ein klassischer Fall von inspired by. Und nach den ersten paar Folgen muss man sagen: Das könnte aufgehen.

    Das liegt nicht nur am Offensichtlichsten, an den vielen Anspielungen und Querverweisen auf das unerschöpfliche King-Universum, mit deren Entdeckung als „Easter Eggs“ sich vor allem beinharte King-Nerds beschäftigen dürften. So viel sei gesagt: Es gibt jede Menge. Allein in den ersten beiden Episoden sind (in Dialog und Bild) Verweise auf „Stand by me“, „Needful Things – In einer kleinen Stadt“, „Die Verurteilten“, „Carrie – des Satans jüngste Tochter“, „The Green Mile“, „Friedhof der Kuscheltiere“, „Cujo“ und „Shining“ untergekommen. Fanservice wird also auf jeden Fall geboten. Auf der Produktionsebene setzt sich das fort: Mit Bill Skarsgård spielt jener junge Schwede eine mysteriöse Hauptrolle, der zuletzt im Kino als Gruselclown Pennywise in „Es“ zu sehen war, außerdem ist die inzwischen 68-jährige Sissy Spacek dabei, die 1976 als Titelheldin der allerersten King-Verfilmung „Carrie“ ihren schauspielerischen Durchbruch erlebte – und damit das Phänomen Stephen King erst so richtig ins Rollen brachte.

    Ex-Sheriff Alan Pangborn (Scott Glenn)

    Den größten King-Bezug stellt aber natürlich der Titel her: „Castle Rock“ ist der Name einer fiktiven Kleinstadt im neuenglischen US-Bundesstaat Maine, die in zahlreichen Romanen und Erzählungen Kings entweder Hauptschauplatz war („Dead Zone“, „Cujo“, „Needful Things“, „The Dark Half“) oder aber sonstwie erwähnt wurde. Rob Reiner, der die King-Verfilmung „Stand By Me“ drehte, benannte seine Produktionsfirma nach dieser Stadt, in der literarisch schon so viel passiert ist und deren angestammte Schauplätze (wie etwa die „Mellow Tiger Bar“) auch hier wieder vorkommen. Die (bislang) einzige aus Kings Romanen bekannte Figur, die auch in der Serie auftaucht, ist Sheriff Alan Pangborn, der, mittlerweile über siebzig und in Rente, von Schauspielveteran Scott Glenn gespielt wird („Training Day“, „The Leftovers“). Glenn übernimmt den Staffelstab von Ed Harris und Michael Rooker, die Pangborn in den Verfilmungen von „Needful Things“ und „Stephen Kings Stark“ (beide 1993) verkörpert hatten.

    Die eigentlichen Protagonisten von „Castle Rock“ sind jedoch Figuren, die Shaw und Thomason mit Kings Segen ganz neu erfunden haben. Der erwähnte Skarsgård spielt einen jungen Mann, der in der Pilotepisode in einem vergessenen Wassertank unter einem lange unbenutzten Flügel des (aus „Die Verurteilten“ bekannten) Shawshank-Gefängnisses gefunden wird, in dem er offenbar länger vor sich hin vegetierte. Seine Identität ist ungeklärt, er ist kaum sprechfähig, man nennt ihn nur „The Kid“. Schnell zeigt sich aber, dass der Junge mit den teuflischen Augen über diabolische Fähigkeiten verfügt. Und bald verlangt er nach einem gewissen „Henry Deaver“.

    Der unbekannte „The Kid“ (Bill Skarsgård)

    Deaver (André Holland aus „The Knick“) ist Anwalt in Texas, spezialisiert auf Angeklagte, denen die Todesstrafe droht. Doch seine Wurzeln liegen in Castle Rock: In Flashbacks wird gezeigt, dass er als Kind zusammen mit seinem Adoptivvater, dem Pfarrer von Castle Rock, im eisigen Winter 1991 elf Tage lang verschwunden war. Sein Vater starb danach, man beschuldigte Henry, der den Ort schließlich verließ. Weil Gefängniswärter Dennis (Noel Fisher aus „Shameless“) Henry kontaktiert, kehrt der Jurist in sein Heimatstädtchen zurück. Als schwarzer Mann ist er im „lilienweißen Maine“, wie es einmal heißt, schon äußerlich ein Außenseiter. Seine Adoptivmutter Ruth (Spacek) lebt, halb der Demenz anheimgefallen, immer noch im alten Haus, mittlerweile aber, sehr zum Missvergnügen Henrys, an der Seite von Pangborn (Glenn). Als weitere Hauptfiguren werden noch Molly Strand eingeführt (Melanie Lynskey, „Togetherness“), eine tablettensüchtige Immobilienmaklerin um die vierzig, die als Kind in Henry verliebt war und über spezielle empathische Fähigkeiten verfügt, sowie Jackie (Jane Levy, „Suburgatory“), eine junge Frau, die ein enzyklopädisches Wissen über Castle Rock zu besitzen scheint und über einen für King-Kenner verdächtigen Nachnamen verfügt: Torrance. Ist sie womöglich mit der Familie aus „Shining“ verwandt?

    Bemerkenswert ist, wie getreu in Stimmung und Tempo die Macher „Castle Rock“ an Kingschen Standards entlangführen: Die Serie trumpft in den ersten Folgen nicht mit wilden Schockeffekten und spektakulären Wendungen auf, gemächlich weiten sich die Zusammenhänge. Nach jetzigem Stand könnte man im noch nicht gelüfteten Geheimnis um das Verschwinden von Vater und Sohn Deaver ein übernatürliches Vorkommnis ebenso vermuten wie eine tödlich ausgegangene Missbrauchsgeschichte, von denen es im King-Universum nicht wenige gibt. Die Serie legt die Fährten sehr behutsam aus.

    Henry Deaver (André Holland) kehrt in seine Heimatstadt zurück

    Obwohl Regisseur Michael Uppendahl („Mad Men“, „Fargo“, „Ray Donovan“ etc.) zwei, drei effektive jump scares einstreut, fokussieren die ersten Episoden stark auf die Charaktere, ganz so, wie man es aus Kings ellenlangen Romanen gewöhnt ist. Dabei helfen die starken Darsteller, die das Kleinstadtpanorama zum Leben erwecken: Terry O’Quinn („Lost“) spielt den früheren Gefängnisdirektor Lacy, der sich am ersten Tag seines Ruhestandes auf grausame Art das Leben nimmt (untermalt vom Briefduett aus Mozarts „Hochzeit des Figaro“, das auch in „Die Verurteilten“ zu hören war), Frances Conroy („Six Feet Under“) glänzt als dessen blinde Frau; Sissy Spaceks tatsächliche Tochter Schuyler Fisk spielt in Rückblenden Ruth Deaver als junge Frau, Allison Tolman aus „Fargo“ Mollys Schwester und Aaron Staton („Mad Men“) den derzeitigen Pfarrer. Um nur einige zu nennen.
    Dennoch gilt auch hier die alte Floskelfeststellung, dass der Schauplatz der eigentliche Star der Serie ist: Castle Rock, dieser mythensatte Ort mit all den Morden, Selbstmorden und Unglücken, die dort schon geschehen sind, mit den unheilbringenden Winden, die dort nach wie vor durch die Bäume peitschen. Womöglich wird die Stadt gerade wieder vom Teufel heimgesucht – auch wenn der Satan vielleicht nur das deindustrialiserte Amerika der Trump-Zeit ist. Wie sehr von Gott, Washington und der Welt verlassen sich die Bewohner fühlen, benennt Jackie einmal mit diesem Satz: „Castle Rock ist buchstäblich von der Karte verschwunden.“

    In der zweiten Episode gibt es einen Voiceover. Es ist der Abschiedsbrief Lacys an seinen alten Weggefährten Pangborn, der mit ihm, scheint’s, ein düsteres Geheimnis teilt. Ob sich der Plot dabei als so klug konstruiert erweisen wird wie in Kings besten Geschichten, das muss sich noch zeigen, doch an der Prosa in Lacys Brief, die Castle Rocks düstere Aura so markant umschreibt, zeigt sich beispielhaft, wie gut es Shaw und Thomason gelungen ist, den Kingschen Sound zu treffen. Für Fans des Master of Macabre gilt daher eine unbedingte Empfehlung; allen anderen bietet sich, Stand jetzt, ein atmosphärischer Kleinstadt-Thriller mit guten Figuren und spannenden Mystery-Motiven, dessen endgültige Tragfähigkeit sich, wie bei solchen Storys üblich, erst noch erweisen muss.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „Castle Rock“.

    Meine Wertung: 3,5/5


    © Alle Bilder: Patrick Harbron/Hulu

    In den USA befindet sich die erste Staffel von „Castle Rock“ derzeit noch in der Ausstrahlung beim Streaming-Dienst Hulu. Eine zweite Staffel ist bereits bestellt – allerdings war vorab angekündigt worden, dass „Castle Rock“ als Anthologie-Serie konzipiert wurde, also in jeder Staffel im wesentlichen neue Figuren eine neue Geschichte erleben, wobei die Stadt das verbindende Glied sein soll. Eine deutsche Heimat für „Castle Rock“ ist noch nicht bekannt geworden.

    Trailer zu „Castle Rock“

    03.09.2018, 12:00 Uhr – Gian-Philip Andreas/thehollyartstudio.com

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas
    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für thehollyartstudio.com rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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